Martins Lingam
Geschrieben von Sebi   
Thursday, 6. September 2007
Leseprobe aus Version 18

Martins Lingam

Zwei Jahre lang schliefen wir immer ineinandervervögelt ein. Manchmal kreuz und quer übereinander, auch Kopf über Fuß, im Winter meistens in Löffelchenstellung, die ein Maximum an Hautkontakt und Wärmeaustausch ermöglichte und kalte Füße verhinderte. Wenn ich nachts wach wurde, weil sein Schwanz sanft aus meiner Möse geploppt war, dann genügte ein leichtes Ruckeln mit dem Gesäß, und schon erhob er sich wieder und drang in mich ein, ohne dass sein Besitzer davon etwas mitbekam. Wir vögelten, bis uns die Augen zufielen, und setzten es fort, ehe wir sie ganz geöffnet hatten. Tagsüber trieben wir es, wo immer wir uns unbeobachtet glaubten, auf dem Schreibtisch, der Waschmaschine, im Stehen, Sitzen, Liegen und während langer Autofahrten im Dunkeln auf der Autobahn. Martin liebte die Herausforderung, selbst in dem Moment, wo er kam, keinen Bruchteil einer Sekunde das Steuer zu verreißen.
Von einer seiner zahlreichen Geschäftsreisen nach Indien hatte er mir gleich zu Beginn unserer Beziehung einen Lingam mitgebracht, einen kleinen steinernen Phallus, Symbol des Gottes Shiva, umkränzt mit einer bunten Plastikblumengirlande. Der Schaft des aufgerichteten Lingam ragte aus einem Schälchen, das einem Ölkännchen glich. Es hatte einen kleinen Griff und eine rundum laufende Rinne, in die das Sandelholzöl, Ghi genannt, abfließen konnte, mit dem man in Indien den Lingam salbte, wie Martin erklärte. Der Lingam sei ein Symbol nicht nur für die Zeugungskraft des Gottes, sondern er werde auch als Feuersäule verstanden, weil Shiva zugleich der Gott der Schöpfung und der Zerstörung sei, er stehe für die Ekstase und Vernichtung, aber auch für Erkenntnis. Ich fand diesen Gott sehr praktisch, da für alles zu gebrauchen, insbesondere aber für das, was ich am meisten liebte. Dazu schenkte Martin mir ein Konterfei der Gottheit, vielarmig, vielfarbig, in Pink, Türkis und anderen knalligen Farben hinter Glas in einem goldfarbenen
Plastikrahmen. Vor Shivas Antlitz hatte er sein Passbild geklebt, mit weit herausgestreckter Zunge. Ich baute mir ein Altärchen neben dem Bett, auf dem ich dem Lingam, wenn Martin nicht da war, in Ermangelung von Ghi gelegentlich einen Schuss Massageöl über seine Stein gewordene Erektion gab. Dann gönnte ich mir selbst eine kleine Portion, die ich mir genüsslich einmassierte, den kitschig bekränzten ölig glänzenden Lingam vor Augen. Den Kranz nahm ich, wenn Martin da war, gerne ab, um das Prachtstück meines Liebsten zu umwinden, bevor ich es gründlich mit meiner Zunge salbte.
Als Assistentin der Geschäftsleitung eines Düsseldorfer Konzerns, der mich für seinen mangelnden Respekt vor Feierabenden, Wochenenden und Ferienzeiten mit einem fürstlichen Salär entschädigte, konnte ich Martin selten auf seinen Reisen begleiten. Aber ich verdiente genug, um mir spontan einen Flieger zu nehmen, damit er mir in einer Tokioter Suite oder, wo auch immer er sich gerade befand, eine Nacht lang den Verstand aus dem Hirn vögeln konnte.
Der Lingam begleitete mich auf meinen Reisen. Ich hatte mir angewöhnt, ihn nebst Blumengirlande zu Zahnputzzeug, Deo und Make-Up-Utensilien in den Kulturbeutel zu werfen. Das Zunge zeigende Götterbildnis wartete derweil daheim auf dem Altärchen, da ich bei aller Liebe zu meinem Maskottchen keine Lust auf Glassplitter in der Zahnbürste verspürte. Ich baute auf meinen Hotel-Nachttischen kleine Ersatz-Altärchen, ganz egal, ob ich mein Bett mit Martins fleischlicher Variante des Shiva-Symbols teilte oder nicht. Nicht immer zog ich schließlich auf Martins Fährte in die Fremde. Oft war ich auch im Auftrag meines Unternehmens unterwegs. Außer Martins göttlichem und Shivas steinernem Phallus ließ ich allerdings in diesen zwei Jahren nie eine andere Ausführung an mich ran beziehungsweise in mich rein.
Einmal kam es bei einem mehrtägigen Aufenthalt in Genf einen Tag früher als geplant zum Vertragsabschluss. Ich überlegte, nach dem Dinner noch kurz, ob ich in der gleichen Nacht zurück nach Düsseldorf und dann weiter nach Chikago fliegen sollte, wo Martin weilte, als mein gut gelaunter Chef mich zu einem Cocktail in die Hotelbar einlud.
„Amelie“, fragte er zwinkernd, nachdem er mit mir angestoßen hatte, „was machen wir mit dem angebrochenen Abend?“ Ich muss gestehen, ich war überrascht. Er war ein attraktiver Mittvierziger, aber seit ich vor einem halben Jahr in sein Vorzimmer befördert worden war, hatte ich nie darüber nachgedacht, dass er unter seinem Armani-Anzug aus Fleisch und Blut bestehen könnte. Im Grunde hatte ich in den letzten beiden Jahren überhaupt keinen Gedanken an andere Männer außer Martin verschwendet. Wieso eigentlich? Mehr eine Antwort auf diese Frage als ein Techtelmechtel mit meinem Vorgesetzten suchend, ließ ich mich auf einen zweiten und schließlich auf einen dritten Drink ein, der mir die nicht unangenehme Wahrnehmung verschaffte, dass Kurt, wie ich ihn jetzt nennen sollte, unter dem mittlerweile bis auf den dritten Knopf offenen Hemd eine dicht behaarte Brust mit hohem Kuschelfaktor aufwies. Tatsächlich waren auch weitere seiner Körperteile mit diesem Vlies überwuchert, wie es sich eine Weile später auf meinem Zimmer herausstellen sollte. Während ich noch vollauf damit beschäftigt war, unter diesem Gestrüpp Kurts Gliedmaßen zu ertasten, fiel sein Blick auf mein Altärchen, und er griff lachend nach dem Lingam. „Du huldigst dem Gott des Tantra?“, fragte er entzückt. Ich kann nicht genau sagen, was mir daran missfiel. Aber ich war mit einem Schlag nüchtern. Es war Martins Phallus, den er mir vor Augen hielt, und der gehörte nicht in seine Hände. Mit einem Aufschrei versuchte ich, ihm die kleine Skulptur zu entwinden, aber er, immer noch lachend, in der Annahme, mir sei diese kleine Pikanterie peinlich, hielt sie hoch, wand sich weg, und wir gerieten in eine Rangelei, wälzten uns quer über das Bett, bis er, den Lingam mit ausgestrecktem Arm von mir weg haltend, aufsprang, dabei aber so unglücklich stolperte, dass er mit dem Hinterkopf gegen die Bettkante schlug.
Der Kommissar, der mir am nächsten Morgen meine Papiere aushändigte und mir gestattete, dass ich bis auf Weiteres nach Hause könnte, gab sich teilnahmsvoll:
„Erholen Sie sich erst einmal von dem Schock“, meinte er, „Sie hören von uns, sobald die Obduktion abgeschlossen ist.“
Ich rief Martin nicht an, sondern buchte den ersten Flieger. Wie sollte ich ihm auch erklären, dass mein Chef mit nicht viel mehr am Leibe als einem getigerten Tanga an meiner Bettkante das Zeitliche gesegnet hatte?
Am Flughafen nahm ich ein Taxi. Ich schloss die Tür auf, ging verstohlen die Treppe hinauf, obwohl vor dem nächsten Tag ohnehin nicht mit Martins Rückkehr zu rechnen war. Ich wollte mir ein Bad gönnen, um erst einmal zur Besinnung zu kommen. Oben im Flur angekommen, setzte ich die Tasche ab, fischte das Necessaire heraus und ging ins Badezimmer, wo ich heißes Wasser einlaufen ließ. Dann nahm ich den Lingam in die Hand, streifte ihm zärtlich die Plastikblumengirlande über und betrat das Schlafzimmer. Erst als ich schon fast an dem Bett angekommen war, fiel mir auf, dass etwas nicht stimmte. Martin war da. Die Geschäftsreise nach Chikago war wohl früher als erwartet beendet gewesen. Er lag schlafend auf dem zerwühlten Bett. Aber er war nicht allein. Eine Frau teilte das Lager mit ihm, und die beiden waren völlig ineinandervervögelt. Es dauerte eine ganze Weile, ehe ich begriff, was meine Augen meinem Kopf mitzuteilen versuchten.
Die Erkenntnis dämmerte hoch, klarte auf, ballte sich zu einem gleißenden Licht.
Shivas pinkes Abbild streckte mir von dem Altärchen fröhlich Martins Passbildzunge heraus.
Das Licht der Erkenntnis bündelte sich zu einem Feuerstrahl. Martin musste irgendetwas gespürt haben, denn er bewegte mit einem Mal den Kopf in meine Richtung und schlug die Augen auf. Etwas ploppte. Aber die in meiner Hand zu Stein erstarrte Feuersäule hatte sich bereits mit wehender Plastikblumengirlande auf den Weg gemacht. Der züngelnde Gott meiner Gier zerbarst in einer Kaskade funkelnder Glassplitter.

 
Regina Schleheck, Leverkusen