Fiebermenschen
Geschrieben von Heike Hartmann-Heesch   
Wednesday, 15. October 2008
Leseprobe aus Version 20

Fiebermenschen

Spermiune zu Fiebermenschen - Grafik : Detlef Heesch ©
Grafik : Detlef Heesch ©

Als ich dem Umstand auf den Grund ging, warum ich ständig Fieber hatte, und tatsächlich erfuhr warum, gefror mir zum ersten Mal in meinem Leben das Blut. Die Ursache des Fiebers war alles andere als Krankheit, Viren, Bakterien oder gar Verliebtheit.

Meine wundersame Geschichte begann mit Elvis. Ja, richtig, der King. Sein „Fever“ klang über alle Sender in jener Nacht, während „es“ bei meinem angeblichen Vater endlich mal klappte. Trotzdem, bei den von einem Forschungsinstitut angebotenen heterologen Inseminationen, also künstlichen Befruchtungen mit Sperma von Samenspendern, war meine Mutter dabei. Heimlich, weil ihr Mann im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu Stande brachte. Als Versuchskaninchen, und das Häschen, das dabei rauskam, war ich. Für Mama gab’s Taschengeld vom Forschungsinstitut. Papa freute sich sehr über „seinen“ Sohn, der ihm laut Mama in der einen starken Stunde zwischen Mitternacht und ein Uhr des Rosenmontags gelungen sein soll. Und Elvis war dabei. F(or)ever. Inwieweit sie ihn sonst noch belogen hatte, kann ich nicht sagen. Die eine große Lüge genügte vollauf, meinen Vater sehr viel später dazu zu bringen, sich zu übergeben. Zum Kotzen fand er die Wahrheit, die er erfuhr, als ich schon groß war. So um die Vierzig. An sich kommt das häufiger vor, so ein Geständnis, und auch der Nachkomme findet sich entweder damit ab, oder er dreht durch. Oder er sucht nach seinem leiblichen Vater. Kurz und gut, da mir ständig so heiß war, ich eine normale, durchschnittliche Körpertemperatur von mehr als 39 Grad besaß, und die Ärzte und meine Eltern sich deswegen schon lange keine Sorgen mehr machten, musste ich mich selbst finden. Von nichts kommt nichts, sagte ich mir. Abgesehen davon, dass ich wegen meiner hohen Körpertemperatur meistens großen Erfolg bei Frauen habe, die sich mit ihren verdammt kalten Händen und Füßen nachts gerne an mich kuscheln, besitze ich dadurch keine weiteren Vorteile – na ja, zum Blaumachen genügte bei Lehrern und Chefs natürlich immer ein Fieberthermometer! Und die Heizkosten halten sich schwer in Grenzen. Dafür liegt mein Kalorienverbrauch irgendwo auf der Messlatte von Sumo-Ringern. Es gleicht sich halt alles aus im Leben.
Woher war ich so „heiß“? Instinktiv führte ich das Phänomen auf meinen unbekannten Vater zurück. War er auch ein Vulkan? Ein „Fiebermensch“?

Mama, inzwischen ziemlich alt und senil, wollte oder konnte mir nichts dazu sagen. Nur der Namen des Arztes, der damals den Eingriff durchgeführt hatte, kam über ihre Lippen: Dr. Vogel. Fieberhaft durchforstete ich alle Hinweise auf Institute, die neun Monate vor meiner Geburt an dem Verfahren gearbeitet hatten. Nichts. Natürlich, alles war streng geheim, und vielleicht sogar irgendwie militärisch-politische Forschung im kalten Krieg. Man wird schon ein wenig paranoid, auf der Suche nach geheimen Unterlagen, die einen selbst betreffen! Kurz davor aufzugeben, kam mir der Zufall zu Hilfe. Ein gewisser Professor Vogel, inzwischen über achtzig und noch rüstig, antwortete mir auf meine Anfrage per Mail. Mein Name hätte ihn irritiert, denn er assoziierte ihn mit dem Namen der Mutter eines Kindes, das vor langer Zeit in einem staatlichen Forschungsprogramm gezeugt wurde. Es durfte eigentlich nicht mehr Leben, hatte es doch monatelang merkwürdige Fieberanfälle. Man gab ihm höchstens ein Jahr, und man überließ es frühzeitig der Mutter in der Gewissheit, dass sich der „Fall“ in kurzer Zeit von selbst erledigt haben würde. Dann zeugte man noch ein paar Fälle, und alle hatten angeblich keinesfalls überlebt.
Von wegen! Ich mailte ihm meine amtsärztlichen Fieberkurven der letzten Jahrzehnte, und ich konnte die Aufregung in seinen Re-Mails fast greifen. Dass ich am Leben war, noch dazu ziemlich fidel, und ohne je wirklich krank gewesen zu sein, versetzte ihn in eine Euphorie, die ihm ein vollständiges Geständnis entlockte, und schließlich i h m das Leben kostete. Die Aufregung war wohl zu viel für den alten Herrn. Dennoch, ich lebe, und das kam so: Die Frauen, die sich zur Verfügung gestellt hatten, bekamen alle Spermien von ein und dem selbem Mann. Und jetzt kommt’s: von einem Mann, der Jahrtausende lang schockgefroren im Antarktiseis lag. Aber kein stupider Vorfahre des modernen Menschen war das. Nein, ein moderner Mensch, homo sapiens sapiens, so ein Typ mit Hirn soll das gewesen sein, vielleicht sogar ein Außerirdischer, aber das spielt hier keine Rolle. Was die Wissenschaftler herausfanden, war, dass man Sperma über einen unbegrenzten Zeitraum in gefrorenem Zustand aufbewahren kann, ohne die Zeugungsfähigkeit der Spermizide negativ zu beeinflussen. So wird das heutzutage und in der Regel mit dem Material von Samenspendern routinemäßig gemacht. Raus aus’m Warmen, rein ins Kalte. Und dann wundern, wenn die Körper der so gezeugten Nachkommen vom Baby- bis zum Greisenalter versuchen müssen, sich über Gebühr warm zu halten. Könnte ja sein, dass man wieder eingefroren wird! Also, wem ist ständig heiß? Wer hat dauernd „Fieber“? Meldet euch, Brüder und Schwestern. Ihr müsst inzwischen Legion sein, da draußen…


 
Peter Brand