Hallo Tod.
Geschrieben von Sebi   
Sunday, 16. July 2006
Leseprobe aus Version 13

Hallo Tod.

„Vorwärts“, knurrte der Tod.
„Hey, nicht so grob!“
Diese Beschwerde beantwortete der Tod mit einem kräftigen Stoß in den Rücken seines Opfers Paul. Der schwieg und schleppte sich stillschweigend und missmutig vor diesem Grobian her, in Richtung einer riesigen Tür.
Endlich kamen sie an, und die Tür war, wie eine große Aufschrift in Englisch, Spanisch und Russisch verkündete, Himmelspforte und Tor zur Hölle gleichzeitig.
Links und rechts von ihr standen zwei finstere Gestalten. Beide waren sie komplett eingehüllt in ein dunkles Tuch. Einzig die Augen oder die Stelle, an der Augen hätten sitzen können, sendete ein gleißendes Licht aus.
Dort angekommen, gab ihm der Tod einen so kräftigen Stoß von hinten, dass er zu Boden stürzte und mitten zwischen diesen beiden Wächtern zu liegen kam.
Gleichzeitig hörte er die Stimme des Todes von hinten dröhnen: „Das ist er!“
Langsam richtete er sich wieder auf. Nichts tat sich. Er stand da eingekreist von diesen drei fiesen Typen und wusste nicht, was er tun sollte. Er hatte das unbestimmte Gefühl, man würde auf ihn warten.
Da bewegten sich die beiden Gestalten, nicht von der Stelle jedoch; sie schienen vielmehr nur im Wind zu wehen. Und kaum hatte er den Blick auf sie gerichtet, vernahm er ein grässliches Kreischen von überall her, und doch wusste er, dass es die beiden Gestalten waren, die sprachen. In diesem gemeinen Krawall, den er vernahm, hatten sich zwei Stimmen unlöslich ineinander verheddert, und das stechende schrille Fiepen der einen verkündete gleichzeitig, was die andere in einem erdbebengleichen Rumpeln von sich gab. „Los!“
„Was, wawawas? Ich? Was soll ich tun?“
Für dieses verächtliche Stammeln hatte der Tod nur Verachtung über. Er erinnerte sich an Cäsar, der laut gebrüllt hatte: „Niemand befiehlt Julius Cäsar!“, oder an Napoleon, der tatsächlich dreimal versucht hatte, in einem Überraschungsangriff dem Tod seine Sense zu entreißen und so das Blatt zu wenden. Aber so wie dieses Würstchen verhielten sich die meisten. Weil aber auch er das Quietschen der Wächter nervig fand, versuchte er immer, ihnen zuvorzukommen.
„Du sollst zahlen“, grummelte er.
„Was?“
Im Innern des Todes begann es schon wieder zu brodeln. Könnte er seine Sense doch nur einmal benutzen. Er versuchte, sich zu beherrschen, aber es gelang ihm nur schlecht.
„Zahle!“, brüllte er.
Stille. Paul begriff nur langsam. „Ich soll zahlen?“, fragte er.
„Ich bin eben gestorben und soll jetzt auch noch dafür zahlen?“ Da sich nichts zu regen schien, fasste er neuen Mut. „Gar nichts zahle ich. Zahl Du doch für mich!“, schleuderte er dem Tod entgegen.
‚Zack, zack‘ - dachte der Tod - einmal senkrecht, einmal waagerecht. Jeden Morgen setzte er sich, um seine Sense zu schleifen. Wenn er sie doch nur einmal benutzen dürfte.
„Also ich zahl hier gar nichts. Ihr könnt mich gerne wieder zurück bringen.“
„Schweig! Du Nichts! Du zahlst!“, brüllte der Tod nun, und seine Stimme rutschte noch zwei Oktaven nach unten.
Um eine Widerrede gar nicht erst aufkommen zu lassen, hob er blitzschnell das Stockende seiner Sense in die Höhe und stieß Paul damit erst kräftig vor den Brustkorb, dann in den Magen und gleich noch einmal auf die Nase, die sofort zu bluten anfing.
‚Scheiße‘, dachte der Tod, der keine Lust hatte, sich wegen einem solchen Kümmerling schon wieder eine Predigt vom Chef anzuhören.
Paul war zum Davonlaufen zumute, und um weiteren Stößen zuvor zu kommen, brachte er stotternd ein „Ich zahle!“ hervor.
Der Tod war zufrieden. „Also“, brummte er, „er zahlt.“
Paul hatte es inzwischen immerhin bis auf seine Knie geschafft und blickte nun zu den beiden Wächtern auf. „Wieviel denn überhaupt?“, rief er in weinerlichem Ton den Wächtern zu.
„Woher kommst Du?“ – schmetterte es wieder aus allen Richtungen, und Paul hätte es schon wieder bereut, diese Ohrentöter gefragt zu habe, wenn er überhaupt eine Alternative gehabt hätte. Denn mit dem Tod wollte er nicht mehr sprechen, der war für ihn gestorben.
„Aus Pankow!“
Da holte der linke der beiden Wächter ein riesiges Buch heraus und begann, darin zu blättern.
„Aha, Deutschland!“, dröhnte es nach einer Weile. „Macht 34,50 Euro .“
„Was? 34,50 Euro? Wer denkt sich denn so einen Quatsch aus?“
Die Wächter schauten sich gegenseitig an und dann wieder Paul.
„Der Papst natürlich. Das meiste Geld geht an ihn.“
„Der Papst? Ich bin überhaupt nicht in der Kirche!“, rief Paul empört.
„Oh“, entfuhr es dem Wächter mit dem Buch, „Entschuldigung!“. Und er begann wieder, wild zu blättern.
Schließlich verkündete er: „Dann sind es 42.000 Euro.“
„Was?“ Paul war fassungslos. „So viel, wieso?“
„Deutsche 42.000, Bayern 250, der Rest 87.000. Seit diesem neuen Papst ist das so! Wie willst Du zahlen?“, fuhr man ihn nun von neuem an.
„Herr Gott“, blökte Paul, ohne zu bemerken, dass diese Bemerkung Verwirrung bei den Anwesenden hervorrief, „glaubt ihr, ich trage 42.000 Euro in bar mit mir herum?“
Der Tod erkannte die Problemlage und wurde nun wieder nervös. Er zielte mit dem Stockende seiner Sense auf Paul und versuchte, bedrohlich zu knurren.
Paul, dem der Schreck von eben schlagartig in die Glieder zurückkehrte, rief schnell aus: „Schon gut, schon gut - nicht schlagen - ich weiß, ich weiß. Ich habe eine Kreditkarte.“
Der Tod war zufrieden. Die beiden Wächter nickten, und diesmal war es der Buchlose, der aus seinem Umhang ein Kartenlesegerät hervorzauberte. „Gib her!“, kreischte er.
Paul zog seine Kreditkarte hervor und hielt sie dem Wächter hoch. Der nahm sie und zog sie mit geübter Handbewegung durch das Lesegerät.
Nun warteten alle eine Weile, auf dass das Gerät die Buchungsbestätigung ausdrucke. Die Sekunden dehnten sich immer länger. Doch da drehte der Wächter das Gerät in seiner Hand und hielt es so, dass Paul den Display genau unter seiner Nase hatte und dessen Botschaft las: „Verfügung heute nicht mehr zugelassen.“
Paul war klar, dass dies ein neues Problem darstellte. Erst zögerlich, dann immer schneller holte er alle seine Kreditkarten aus dem Portemonnaie, und eine nach der anderen zog er durch das Lesegerät. Und eine nach der anderen zeigte ihm an „Lesefehler“, „Karte unbekannt“ oder immer wieder „Verfügung heute nicht mehr zugelassen.“
Der Tod wankte missmutig auf seinen Beinen hin und her. Dabei brummte er laut, und es begann, heiß in ihm zu kochen. Diese ganze Scheiße hier ging ihm gehörig auf den Sack. Er hatte Hunger, wollte Feierabend machen und sich nicht mit so einem unfähigen Wurm abgeben. „Mach hin!“, brüllte er, und in seiner Wut begann er, langsam aber deutlich seine Sense in großen Bögen um sich herum kreisen zu lassen.
Paul brach nun neuerlich in einen Heulkrampf aus. Und er brüllte zurück wie ein beleidigtes Kind: „Was kann ich denn dafür. Ich bin ein armer Schlucker, ich bin hochverschuldet, ich hab doch keine Ahnung!“
Dem Tod fehlten die Argumente, und er brüllte nur noch wütender: „Du zahlst.“
Den Wächtern war die Situation offenkundig unangenehm, und sie flatterten beschämt von einem Bein auf das andere.
Paul war inzwischen alles egal, und so schrie er den Tod an: „Und wenn nicht, was dann? Was willst Du dann tun? Mich töten? Mach doch, bring mich doch um!“, und mit diesen Worten streckte er dem Tod seinen Hals entgegen. Der war vollkommen in Rage über diese Antwort und verlor seinerseits jegliche Konzentration. Daher merkte er zu spät, dass sein Sensenblatt nun direkten Kurs auf die Halsschlagader von Paul hielt. Und einen Moment später kullerte dessen kleiner Kopf zwischen seinen Füßen.
Auf einmal war es ganz still. Ein Wind wehte, doch man hörte ihn nicht. Die beiden Wächter schauten sich an, dann den Tod. Der schaute erst Pauls Kopf an, dann die Wächter. Er stammelte: „Ich – der – na...“.
Da ertönte wieder das Dröhnen der Wächter. „Nun hast Du ein Problem.“ Und sich auflösend fügten sie noch hinzu: „Du warst die längste Zeit der Meister aus Deutschland.“ Und fort waren sie. Zurück blieben der Tod und – die Stille.
Da gab es ein kleines Piepsen. Es kam vom Kartenlesegerät, da ratterte ein Ausdruck heraus, und auf dem Display war zu lesen: „Zahlung erfolgt.“

 
Tilo Pätzold