Geschrieben von Barbara Walter   
Sunday, 16. July 2006
Leseprobe aus Version 12

MORGEN oder Wassiliys zweites Leben


Wassiliy Wassilowitsch hat zwei Leben, sein gewöhnliches, ganz normales Leben und eines, das mit dem Wort „Morgen“ beginnt. In seinem normalen Leben ist Wassiliy Taxifahrer in seiner Heimatstadt, in seinem Morgenleben aber ist Wassiliy alles, was er sich erträumt. Ein berühmter Dichter, ein Sänger von Weltruf, Fußballstar, ja, sogar Präsident seines Landes. Es wechselt mit den Jahren. Eines ist er aber immer: ein Held! Er rettet Menschen aus brennenden Häusern, vorzugsweise junge schöne Damen, reißt Säulinge in letzter Sekunde aus brausender See und drückt sie ihren - überwiegend gutaussehenden Müttern - an die dankbare Brust, füllt mit seiner wunderbaren Stimme die größten Opernhäuser der ganzen Welt, verdient Millionen mit seinem Fußballspiel oder aber, sollten die Beine müde werden, mit eigenen revolutionären Erfindungen. Alles das ist Wassiliy Morgen. Morgen steht ihm die ganze Welt offen, da fällt die Entscheidung schwer. So eine glanzvolle Zukunft muss gut überlegt werden. Wen wundert es da, dass Wassiliy noch immer Taxi fährt. Es ist ein mörderischer Job, und Wassiliy ist jeden Abend sehr müde. Was für ein Glück, dass er Olga hat. In seinem Morgenleben ist natürlich kein Platz für Olga, aber jetzt ist sie ganz nützlich. Sogar Wassiliy muss zugeben, dass es Frauen gibt, die nicht so fürsorglich sind wie Olga. Natürlich ist sie keine Augenweide, die Jahre haben es nicht gut mit ihr gemeint (oder war es Wassiliy?), aber Olga kann wunderbare Suppen kochen, sie sorgt für ihn und wärmt ihn mit ihrer weichen Fülligkeit in der Nacht. An besonders kalten Abenden, wenn Wassiliy mit eiskalten Füßen von seinen Fahrten nach Hause kommt, stellt sie sogar seine Hausschuhe zum Aufwärmen an den Ofen. Nein, er will nicht klagen, für dieses Leben reicht ihm Olga durchaus. Seine Morgenlebenfrauen sehen natürlich ganz anders aus. Sie sind schlank, obwohl, gegen kleine Rundungen hier und da hat Wassiliy nichts einzuwenden, alle tragen sie wundervolle Frisuren, bevorzugen hautenge Kleider und Schuhe mit hohen Absätzen, sie sprechen mindestens sechs Sprachen, da sie ihn ja überall hinbegleiten müssen, und sie alle lieben ihn bis zum Wahnsinn. An manchen Tagen ist Wassiliy so erfüllt von seinen Morgenlebenträumen, dass ihm die Rückkehr in die enge vollgestopfte Wohnung und damit die Rückkehr zu Olga sehr schwer fällt. Das geschieht besonders dann, wenn Olga sich so gar keine Mühe mit ihrem Aussehen gibt. Muss sie denn wirklich abends um acht Uhr noch immer in ihrem alten grüngrauen Hauskittel durch die Wohnung schlurfen, die Haare zu dem langen dünnen Zopf geflochten, den sie nachts immer trägt, das Gesicht nicht gewaschen? Wassiliy erkennt unschwer die Reste des Borschtsch vom gestrigen Abend in ihrem Gesicht. Wobei er nicht vergessen darf, dass der Borschtsch ihm sehr gut geschmeckt hat. Trotzdem, Wassiliy starrt sie finster an.
„Wassiliy, mein Täubchen, was ist mit dir?“, fragt Olga ihn besorgt. Oh, sie kennt diesen Blick. Es ist Wassiliys schwerer Blick, sie hat ihren Freundinnen schon oft davon gesprochen. „Wassiliy ist ein Dichter, ein Philosoph“, erzählt sie, was sie nicht erklären kann, und die Freundinnen schweigen ergriffen.


„Leg dich hin, du siehst müde aus.“
Wassiliy folgt dieser Einladung widerspruchlos. Noch zwei Minuten länger Olgas Anblick, und er würde anfangen zu weinen. Oder Türen zuschlagen, Gläser an die Wand werfen, sich betrinken. Irgend so etwas. Olga zieht sich aus, wäscht sich ein wenig und legt sich neben ihren Mann. Irgendwann wird er aus dieser dunklen Nachdenklichkeit erwachen, zur Vernunft kommen und nach ihr greifen. Das macht er immer, sie kennt das schon. Jeder Ehemann, das weiß sie von ihrer Mutter, jeder Ehemann ist ein Martyrium für seine Frau, und sie, Olga, hat es noch gut getroffen, wenn sie ihr Leben mit dem ihrer Freundinnen vergleicht.
Na bitte, was hat sie gesagt, da ist er schon. Es ist wie immer, die Erde bebt nicht, von Geigen kann schon gar keine Rede sein, aber es ist gut. So gut wie ein warmer Ofen im Winter, so gut wie eine heisse Suppe am Abend oder das helle Licht der Küchenlampe an einem nebeligen Morgen. Warum nur sagt Wassiliy laut und vernehmlich zum Schluss immer „Morgen?“
Pah, Morgen! Was interessiert sie Morgen? Heute hat sie Wassiliy glücklich gemacht. Zumindest schläft er jetzt, und das ist genau so gut.
Morgen, denkt Wassiliy noch im Einschlafen, Morgen ist es so weit. Am nächsten Tag, einem weiteren Tag in seinem normalen Leben, hat Wassiliy eine besonders gute Fahrt. Er muss eine berühmte Schauspielerin von ihrem Hotel zum Flughafen fahren. Sie ist eine Traumfrau, seine Morgentraumfrau. Alles an ihr stimmt. Schlank, mit den Rundungen an den richtigen Stellen, blond, klug, in hautenger Kleidung, und sie telefoniert so lebhaft in einer fremden Sprache, dass ihm die Ohren klingen. Manchmal lächelt sie ihn an, dann entstehen zauberhafte kleine Grübchen in ihren rosigen Wangen. Wassiliys Herz beginnt aufgeregt zu klopfen, der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Er überlegt fieberhaft. Hat sein Warten ein Ende? Ist Morgen vielleicht schon heute? Aber nein, er ist nicht vorbereitet. Er ist gar nicht richtig rasiert. Im Badezimmer war die Glühbirne kaputt, und dann hat er auch noch eines seiner ältesten Hemden an. Es ist an den Rändern schon ausgefranst, und ganz sauber ist es auch nicht mehr. Also morgen. Morgen bestimmt! Zum Ende des Winters wird Wassiliy krank. Eine einfache Erkältung, die er sich während der langen Wartezeiten im kalten Auto geholt hat. Doch sie weitet sich aus zu einer Lungenentzündung. Er hustet sich die Seele aus dem Leib. Es steht schlecht um ihn. Irgendwann ist Wassiliy im Himmel, oder ist es nur ein Fiebertraum?
„Wassiliy“, fragt Gott, „ist es schon so weit? Du bist sehr krank, so habe ich mir sagen lassen. Ts, ts, ts. Wann willst du denn nun zu mir kommen, mein Lieber?”
Wassiliy überlegt erschrocken. Darauf ist er nun gar nicht vorbereitet. Sein Nachthemd ist nicht ganz sauber, er hat sich lange nicht gewaschen, und die Haare sind auch seit Tagen nicht gekämmt.
„Morgen?”, fragt er vorsichtig.


 
Barbara Walter