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Was vor allem auffällt am neuen
Werk von Ingo Schulze, dessen Roman „Simple Stories" die „New York Times" einst
dazu hinreißen ließ, ihn auf die Liste der zehn bedeutendsten Gegenwartsautoren
Europas zu setzen, ist dies: Enrico Türmer, der Protagonist aus „Neue Leben",
wurde geboren in Dresden, studierte in Jena und arbeitete später in Altenburg
als Dramaturg und Zeitungsredakteur. Mit eben jenen biografischen Eckdaten wird
auch Ingo Schulze im Klappentext vorgestellt. Wie viel von Enrico Türmer ist
also in Wirklichkeit Ingo Schulze?
Nach der allgemeinen Lobhudelei des Feuilletons habe ich
Interesse an diesem Briefroman bekommen und wurde alles in allem nicht
enttäuscht, obwohl ich das Lob nicht uneingeschränkt bekräftigen möchte.
"Neue Leben" beschränkt sich auf einen zeitlich eng begrenzten Ausriss von etwa
einem halben Jahr und zeigt damit, in welch erstaunlich kurzem Zeitraum die
Wende und ihre Protagonisten ihre „Unschuld verloren" und die hehren Ziele
jener Zeit Makulatur wurden. Das Vorwort nimmt vorweg, wohin die Reise geht:
vom Bankrott und der Flucht des Helden ist da die Rede, auch davon, dass der
windige Unternehmensberater Clemens von Barrista, unschwer als ein moderner Mephistopheles
erkennbar, ebenfalls spurlos verschwindet. Doch der begrenzte Zeitraum reicht,
um pointenreich eine Zeit der Ungeheuerlichkeiten nachzuzeichnen, in der alles
möglich schien.
Gelungen finde ich den zeitlichen Ablauf des Romans: er beginnt am 6.Januar1990
mit einem Fragment, mitten im Satz. In den Briefen an seine Schwester und seinen
Jugendfreund Johann Zielke schreibt er aus unterschiedlichen Perspektiven,
gelegentlich überlappend, über Persönliches, über die Ungeheuerlichkeiten der
Wendezeit sowie über die Fortschritte der Gründung (s)eines Zeitungsverlages.
In den Briefen an die von ihm angehimmelte Westdeutsche Nicoletta Hansen
hingegen lässt er die DDR-Vergangenheit mit ihren Eigenheiten, Entbehrungen und
Sehnsüchten Revue passieren (dies ist durchaus nicht nur lustig, denn Schulze /
Türmer spart auch die Gewalt der DDR-Polizei und der Stasi nicht aus) und endet
dort, wo der Roman beginnt, mit einer Schneeballschlacht am 6.Januar 1990.
Schulzes großes Talent besteht in der originellen, frischen, ja: plastischen
Beschreibung der Personen, etwa Tante Trockels, der Belegschaft seiner
Zeitungsredaktion oder des bereits erwähnten Barristas. Ferner hat Schulze das
Talent, quasi en passant die Absurditäten der Vor- und Nachwendezeit
aufzudecken, manchmal in Nebensätzen, etwa wenn er schreibt: „Die Demonstration
löste sich nach dem Marsch um den Ring schnell auf. Man wollte rechtzeitig
zurück sein, um sich in der Tagesschau zu sehen." Absurd auch die ersten Reisen
in den „Westen" und das Panoptikum, das er dabei entwirft (die Ossis an der
Raststätte oder beim ersten Einkauf mit „Westgeld"), oder der Dissidenten-Traum
als hilfloser Versuch, im DDR-Leben einen Platz zu finden. Aber hey: absurd und
grotesk - so war jene Zeit tatsächlich, bis hinein ins Nebensächliche!
Bisweilen schienen mir einige homoerotische Passagen arg ausgestellt, obendrein
wird darauf in Fußnoten eingegangen, ohne Sachverhalte wirklich zu vertiefen.
Unverständlich, dass dies wie auch diverse Auslassungen über die Verdauung
ausgerechnet an jene Nicoletta Hansen gerichtet ist, um die er ganz
offensichtlich wirbt. Einer der Widersprüche des Enrico Türmer. Oder Schulzes?
Die das Buch durchziehenden Fußnoten sind wohl nötig, um Schulzes Status als
Herausgeber herauszustellen. Manche sind freilich überflüssig, insbesondere
solche Querverweise, die eigentlich geschickt gelegte Fußangeln dann doch mit
einem „Aufgepasst!"-Schild versehen.
Und schließlich ließ mich der Anhang reichlich ratlos zurück. Hier werden die
geistigen Ejakulate Türmers (Schulzes?) abgedruckt, von denen Schulze
einleitend selbst sagt, dass die literarische Qualität „bestenfalls
zweitrangig" sei. Ihr Stil ist enervierend. Zwar liegen den Geschichten
„Schnitzeljagd" und „Stimmabgabe" aberwitzige surrealistische Ideen zugrunde,
in weiten Teilen wird aber auf die auch von Türmer selbst geringschätzig
besprochenen (und gleichwohl an eine der Briefadressatinnen verschickten) Texte
bereits in ausreichendem Maße in den Briefen eingegangen, was den Abdruck im
Anhang überflüssig macht. Aus dem Abdruck ergibt sich lediglich ein
Widerspruch, den Schulze im Vorwort zwar aufzeigt, aber nicht löst: „Auch hier
(in den Briefen an Johann Zielke) schien Türmer, wie schon in den Briefen an
Nicoletta, das geglückt zu sein, was er in seiner Prosa immer vergeblich
versucht hat." Das qualitative Gefälle zwischen den Briefen und den Prosatexten
ist allzu offensichtlich.
Ob Schulzes Roman nun DER große Wenderoman ist, kann ich mangels Kenntnis
anderer Werke zum Thema nicht beurteilen. Das große Interesse des Publikums
jedenfalls ist offenbar schnell verebbt, der Roman nach kurzer Zeit wieder aus
den Bestsellerlisten ausgeschieden. Ungeachtet dessen bleibt festzuhalten, dass
Ingo Schulze in „Neue Leben" die Zeit jedenfalls sehr vielschichtig,
kenntnisreich und originell beleuchtet. Ich als „Ossi" habe mich auf
anspruchsvollem Niveau gut unterhalten gefühlt. Keine Angst vor dem Umfang:
zumindest die „ersten" 660 Seiten lassen sich in einem Rutsch durchlesen.
Danach kann man das Buch getrost zuklappen.
Ingo Schulze, NEUE
LEBEN, Berlin Verlag, 790 Seiten, 24 Euro, ISBN: 3827000521
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